| |
Die Eltern und Geschwister von ihm waren schon alle nach America
ausgewandert und lebten in Rochester im Staate N.Y. Dieselben wußten
Zimmer durch allerlei Versprechungen zu überreden, ebenfalls dahin zu
ziehen, was er auch schon im Herbst desselben Jahres that, nachdem er
alle seine schönen Sachen für ein Billiges verkauft hatte. Ida folgte
ihrem Mann scheinbar gern in das unbekannte Land, sie war mit allem
einverstanden. Leider sollte ihr drüben kein angenehmes Loos beschieden
sein. Die Verwandten, obgleich sie in guten Verhältnissen waren,
hielten ihre Versprechungen nicht und Zimmers kamen in große Not. Diese
traurigen Verhältnisse und eine unstillbare Sehnsucht nach der Heimat
und den Lieben dort ließen Ida immer elender werden; als sie nun dazu
noch von einem Malariafieber befallen wurde, entstand ein Lungenleiden
daraus, dem sie schon am 13. Januar 1880 erlag. Sie hatte ihrem Manne
zwei Kinder geboren, Louise und Theodor. Erstere folgte bald ihrer
Mutter im Tode nach, sie ist wohl nur fünf Jahre alt geworden; Theodor
war auch ein körperlich schwächlicher Knabe, aber von großen
Geistesanlagen und der einzige Trost noch des gebeugten unglücklichen
Vaters. Da überfiel auch ihn im jugendlichen Alter von 17 Jahren
dieselbe heimtückische Krankheit, der er trotz aller angewandten Mühen
und Kosten bald unterliegen sollte. Nach dieser Zeit haben wir von
Schwager Heinrich nur noch selten Nachricht erhalten; nur infolge einer
Anfrage beim Deutschen Consul in Neuyork [sic] durch das Deutsche
Auswärtige Amt erfuhren wir erst kürzlich, daß er noch in Rochester
lebt.
Da ich mit den Aufzeichnungen aus meinem Leben so weit zu Ende bin bis
dahin, wo ich Deinen Vater kennen lernte, so will ich nur noch kurz von
meiner Schwester Jettchen erzählen. Sie besuchte ebenfalls wie Ida und
ich die Höhere Töchterschule und blieb dann zu Hause zur Unterstützung
der Mutter. Hier lernte sie ihren späteren Mann kennen, der damals noch
Secundaner des hiesigen Gymnasiums war und sich bei der Großmutter
eingemietet hatte. Sein Name ist Johannes Reichel. Hier hat sich das
Wort einmal bewahrheitet: “Denn treu ist ja die Schülerliebe”, denn nach
über zehnjährigem Ausharren haben sie endlich den Bund fürs Leben
geschlossen, nachdem Schwager Hans nach beendetem Studium eine Stelle
als Hilfsgeistlicher an St. Jacob in Leipzig erhalten hatte. Nach zwei
Jahren wurde er Pfarrer in Neukirchen bei Deutschenbora in Sachsen.
Hier hat er neun Jahre gewirkt, bis er im vergangenen Frühjahr als
Pastor nach Chemnitz berufen wurde. Auch Jettchens Lebensgang ist kein
glücklicher gewesen; sie wurde nach Geburt ihres zweiten Sohnes in
Leipzig sehr lungenkrank, erholte sich allerdings durch eine längere Kur
in Reiboldsgrün i/S. , hat aber auch jetzt noch beständig damit zu
kämpfen. Dazu kamen, durch besondere Verhältnisse veranlaßt,
fortgesetzte Gemütsverstimmungen und selische Aufregungen, die kein
rechtes Familienleben aufkommen ließen. Ihre drei Kinder heißen Helmut,
Walther und Johanna.
Bald nach Beendigung des französischen Krieges lernte ich auch unser
liebes Väterchen näher kennen, denn eigentlich kannten wir uns schon von
früher her. Als er als Lehrer nach Torgau kam, besuchte ich noch die
Schule. Nach beendigter Schulzeit galt es für mich, einen Lebensberuf
zu ergreifen. Meine Freundin Alwine Brandis und ich hatten den Wunsch,
eine Stellung anzunehmen und jüngere Kinder zu beaufsichtigen und ihnen
den ersten Unterricht zu erteilen. Um die Art und Weise des
Unterrichtens kennen zu lernen, brachte uns Herr Lehrer Freund, bei dem
Privatunterricht genossen, in die Klasse zu Deinem Vater, der damals die
Kleinsten in der Schule unterrichtete, damit wir bei ihm hospitierten.
Das dauerte etwa 14 Tage. Als wir dann plötzlich ohne Dank und Abschied
wegblieben, hat uns das Väterchen mit Recht sehr übel genommen. Danach
haben wir uns viele Jahre nicht wieder gesehen, da ich nach Berlin kam.
Erst später sind wir wieder näher bekannt geworden durch Schwester Ida,
die mit ihm im Gesangverein “Liedertafel” zusammengekommen war; aber es
dauerte über ein Jahr, ehe es zwischen uns zur Verlobung kam. In dem
nur halbjährigen Brautstande gab es noch allerlei Widerwärtigkeiten
durch die Mutter, die wohl am liebsten gesehen hätte, wir heirateten
nicht, um auch die kleine Summe, die für Wäsche u.s.w. nötig war, nicht
geben zu müssen, wozu sie nach dem Testamente verpflichtet war.
Trotzdem wurden alle Schwierigkeiten überwunden; Ida und ich nähten von
Ostern an Tag für Tag sehr fleißig und es wurde alles fertig. Durch
Gottes Gnade konnten wir dann ein fröhliches Hochzeitsfest feiern, und
nun hat der Herr trotz mancherlei Krankheiten und Leides doch so
treulich bis hierher geholfen, daß wir nun bald auf dreißig Jahre
gemeinschaftlichen, glücklichen Lebens zurückschauen können.
Letzte Zeit (Albert Schaffer).
Es erübrigt nun noch, aus den letzten Zeiten unseres Lebens seit der
Verheiratung zu berichten, da Dir dieselben als miterlebt zum großen
Teil noch werden in Erinnerung sein, so kann ich mich kurz fassen.
Unsere Ehe war, auch ich kann dies hier offen bekennen, eine sehr gute
und ungetrübte trotz der mancherlei Krankheiten und Nöte, die wir im
Laufe der Jahre reichlich zu erleiden hatten. Gleich in den ersten
Jahren wurde ich von einem Bronchialleiden befallen, das im Anfang nur
gelind und periodisch auftrat, bald aber chronisch wurde, und gegen
welches alle ärztlichen Bemühungen erfolglos blieben. Wie ich an
anderer Stelle schon erwähnte, ist dasselbe wohl als ein mütterliches
Erbteil zu betrachten, das allerdings durch fortgesetzte Erkältungen
hervorgerufen und durch schädliche Einwirkungen, viele infolge meines
Berufes als Lehrer, verschlimmert wurde. Auf Anraten consultierter
Spezialärzte habe ich im Laufe der Jahre verschiedene Badereisen
unternommen und zur Erholung und Kräftigung manche Sommeraufenthalte
aufgesucht.
So war ich dreimal in Loschwitz und Wachwitz bei Dresden, entweder
allein oder mit der Mutter und Martha. Das eine Jahr suchte ich
Heilung in Grund i/Harze wo ich in einer dortigen Heilanstalt verdünnte
Luft einatmen mußte, dann wieder in Salzungen i/Thüringen durch
Inhalation mit Salz geschwängerter Luft in den Gradierwerken; alles ohne
wesentlichen Erfolg. Am meisten sagten mir die später unternommenen
Reisen und längeren Aufenthalte an der See zu. Vier Mal war ich in
Hiddensee, einer langgestreckten westlich von Rügen liegenden Insel,
eben so oft wohl in Colberg und dem in der Nähe liegenden Etablissement
Elysium. Im Jahre 1892 war ich in Wyk auf der Nordseeinsel Föhr. In
den letzten Jahre wählte ich mit der Mutter und Martha Thüringen zum
Sommeraufenthalte, nämlich in Auma und Georgenthal, nachdem wir 1893
unsere Verwandten in Heßen - Schwägerin Conradine und Neffen Albert -
einen längeren Besuch abgestattet hatten.
Auch die Mutter ist öfter von schwerer Krankheit heimgesucht worden, das
eine Jahr mußte sie sogar einen vierwöchentlichen Aufenthalt in einer
Klinik in Leipzig nehmen. Und mit euch, lieben Kinder, haben wir, als
ihr noch ganz klein waret, viel Not gehabt,
|
|