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ihr seid öfter recht krank gewesen. Du, lieber Erbst, warst erst 2
Jahre alt, als Du von einem gefährlichen Luftröhrenkatarrh befallen
wurdest. Ich befand mich zu der Zeit meines eigenen krankhaften
Zustandes wegen bei meiner Nichte Hermine in Kitzingen i/Bayern. Da
bekam ich spät abends, als ich eben von einer Tour nach Bad Kißingen
zurückgekehrt war, die telegraphische Nachricht, daß du so schwer
erkrankt seiest und ich sofort zurückkommen möchte. Noch in der Nacht
und kam noch an demselben Tage zu Hause an, Dich, Gott sei Dank, wohler
antreffend, als ich befürchtet hatte; es war im letzten Moment in deinem
Zustand eine günstige Krisis eingetreten.
Im folgenden Jahre erkrankte dein Bruder Hans sehr schwer an
Lungenentzündung, so daß Dr. Köppe fast alle Hoffnung auf Genesung
aufgegeben hatte. Das Fieber war zu stark und wollte nicht weichen.
Aber durch Anwendung von homöopathischer Arznei und durch unausgesetzte
sehr häufige kalte Brustumschläge mit Gottes Hilfe überwunden und
Hänschen genas wieder.
Am meisten Not hat uns jedoch Martha in ihrem ersten Lebensjahre
bereitet. Sie war so elend und entwickelte sich so wenig, daß sie noch
nach einem halben Jahr im Steckbettchen liegen mußte. Sie vertrug die
Milch nicht, trotzdem wir auf Anordnung des Arztes dieselbe immer mehr
verdünnten. Da riet uns ein College von mir, der sich viel mit
Arzneiwissenschaft beschäftigte und Viele homöopathisch behandelte, wir
sollten einmal reine, unverdünnte Milch geben; das thaten wir und siehe,
von Stund an behielt Martha dieselbe bei sich und nahm rasch zu. So hat
der treue Gott alles immer wieder zum Besten gewendet. Eure
Entwicklung, lieben Kinder, ging normal vor sich. Ihr seid viel in der
frischen Luft umher getragen und gefahren worden, letzteres in einem
großen unförmlichen, schwarzen Kinderwagen, dessen Gestell noch von den
Großeltern herrührte. Um das Tragen haben sich noch Tante Ida (bei
Ernst), Tante Jettchen und die Großmutter verdient gemacht. Unser Haus
an der Promenade lag auch so günstig, da man nach vorn und nach hinten
gleich ins Freie gelangen konnte. Da die Seite der Promenade, wo
Großmutters Haus stand, noch nicht mit Fußsteigen und Pflaster versehen
war, sondern dort noch viel Bäume und Gebüsch standen, so konnte auch
die Mutter euch getrost in eurem Wagen unten vor der Thür stehen lassen,
ohne befürchten zu müssen, daß euch ein Unheil begegne.
Ihr alle habt bald nach vollendetem ersten Lebensjahre, etwa mit 14
Monaten, laufen gelernt. Wir erinnern uns noch recht wohl der ersten
Versuche, die ihr dazu machtet, indem ihr zuerst noch an einer Hand oder
nur Finger anfaßtet und dann auf einmal loslassend ein paar Schritte
vorwärts thatet. Auch eure ersten Sprachversuche waren interessant, Du,
lieber Ernst, nanntest mich nur Albe, weil Du oft gehört hattest, wie
ich mit meinem Namen gerufen wurde, und die Großmutter hast Du nur
“Gondsohn” gerufen, weil diese Dich oft ihren Goldsohn nannte. - Ihr
alle drei habt, ehe ihr euer eigenes Bettchen bekamt, in einer Art
Waschkorb geschlafen, der auf 2 Stühle gesetzt wurde. Noch kurz vorher
waren allgemein Wiegen in Benutzung gewesen, während jetzt die Kinder
gleich in ihrem Wagen liegen bleiben. Das Einfahren wie Einwiegen der
Kinder zum Schlafe ist wohl nicht gut; werden die Kinder eben nicht auf
solche Weise verwöhnt, dann schlafen sie auch ungewiegt.
Ein besonders feierlicher und erhebender Moment war es, wenn ihr als
Jungen die ersten Höschen bekamt, ihr wie wir Alten waren voller Stolz.
Das erste aber, wonach sie forschten, war, ob auch Taschen darin, die
wurden dann bald mit allerlei Krimskrams gefüllt. Lange Jahre hat euer
Mütterlein mit Hilfe einer Nähfrau eure Anzüge selbst gefertigt. So
seid ihr bei fröhlichem Spiel im Garten und Hofe der Großmutter, auf der
Promenade und der “Fischerwiese” kräftig aufgewachsen, bis der Ernst der
Schulzeit begann. Da ihr euch dieser Zeit und des Erlebten noch selbst
gut erinnern werdet, so überlasse ich euch nun die Fortsetzung dieser
Aufzeichnungen.
Im Jahre 1898 konnten wir das Fest unserer silbernen Hochzeit feiern.
Da die Kinder nicht alle zugegen sein konnten und um den Aufregungen
einer Feier überhaupt aus dem Wege zu gehen, beschlossen wir, zu dem
Tage zu verreisen und zwar nach Auma in Thüringen. Aber obgleich wir
das Ziel unserer Reise wie den Tag unserer Hochzeit so viel wie möglich
verheimlicht hatten, erhielten wir in der Ferne soviel Briefe, Karten
und Telegramme, daß wir über soviel Freundschaft und Liebe ganz gerührt
waren. Zu Hause fanden wir bei der Rückkehr viele wertvolle Geschenke
vor.
Trotz meines Leidens, das mir oft den nächtlichen Schlaf und damit die
Kraft und Frische zur Tagesarbeit raubte, habe ich doch meinen schweren
Beruf bis zu meinem 60. Lebensjahre versehen können. Dann aber wollte
es nicht mehr recht gehen, ich merkte, wie schwer es mir oft wurde. Zum
1. Januar 1901 erfolgte auf meinen Antrag meine Pensionierung, aber
schon im Vierteljahr vorher erhielt ich den erbetenen Urlaub. Trotz
meiner Abwehr wurde doch der Tag meiner Entlassung von der Schule, der
22. Dez. 1900, feierlich in der Aula des Gymnasiums unter Beteiligung
der städtischen und Schulbehörden, sowie sämtlicher Collegen der
bürgerlichen Schulen und im Beisein der Schüler und Schülerinnen der
ersten Klassen begangen. Auch wurde mir der Adler der Inhaber des
Hohenzollerschen Hausordens verliehen.
Hiermit mögen meine Aufzeichnungen schließen. Wenn ich nun noch einmal
zurückschaue auf meinen ganzen Lebensweg, so muß ich erkennen, wie der
treue Gott es doch gnädig mit mir gemacht hat und durch alles Kreuz und
Leid immer wieder zur Freude hindurchgeholfen. Ihm sei Lob und Dank
allezeit!
Anmerkungen zur den obigen Auszügen aus der Abschrift der
Familiengeschichte.
Das handschriftliche Buch
meines Urgroßvaters, August Albert Robert SCHAFFER (1840 - 1903) “Geschichte
der Familie Schaffer” hatte er in zwei Exemplaren anläßlich der
Hochzeit seiner beiden Söhne im Jahr 1902, den Brüdern Johannes (mein
Großvater) und Ernst (mein Großonkel), mit den Schwestern Marie (1877 -
1975, meine Großmutter) und Martha (1876 - 1938, meine Großtante) Heese
verfaßt.
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Günter Weiland, (* im Sommer 2006).
(nochmals
durchgelesen und Verbesserungen zur leichteren Lesbarkeit eingefügt im
Januar 2014)
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