wir dann mit dem Dampfschiff (einem Dresdener, das bis Torgau verkehrte) nach Hause.  Als ich 11 Jahre alt war, kam zu uns Vetter Robert, der älteste Sohn meines Onkels in Brauweiler,  er blieb 5 Jahre bei uns und besuchte das Gymnasium bis Untersecunda.  Wir spielten gern mit ihm, er hatte eine schöne Festung, Sebastopol darstellend, und viele Bleisoldaten.  Aus den Kanonen wurde mit Erbsen geschossen, später sogar mit Pulver, was uns aber streng verboten wurde. 

 

In einem Jahre, als ich ein gutes Schulzeugnis zu Ostern erhalten hatte, nahm mich mein Vater zur Belohnung Pfingsten mit nach Dresden.   Bis Meißen fuhren wir mit dem Schiffe.  Hier blieben wir und besahen den Dom und die Porzellanfabrik.  Im Dom hatte ich viel zu bewundern, da uns der Führer alles hübsch erklärte.  Am Abend fuhren wir mit der Bahn nach Dresden, und am folgenden Tage wurde eine Parthie nach der sächsischen Schweiz unternommen, zuerst bis Wehlen mit der Bahn und dann zu Fuß in neunstündigem Marsche weiter, bis wir abends mit dem Schiff wieder nach Dresden zurückfuhren.  Hier besuchten wir dann andern Tags noch das Museum, das grüne Gewölbe u.s.w. und Abend das Theater.  Es wurde das Stück von Scribe gegeben: Ein Glas Wasser.  Als ich meinem Vater darüber erzählen und die Hauptsachen des Stückes wiedergeben sollte, konnte ich es nicht, ich hatte die Pointe nicht verstanden.  Der Vater wurde aber sehr böse darüber.  Andern Tags ging es wieder heimwärts und in die Schule.  Mein Vater hatte wenig Schulbildung gehabt, aber er war doch in vielen Sachen bewandert.  Sein Vater war sehr gegen alle Schulbildung gewesen und hatte meinen Vater geradezu am Lernen verhindert.  Wir durften nie über einen Lehrer klagen; hatten wir in der Schule Strafe bekommen, so gab es zu Hause noch einmal dazu.  So ungern ich zuerst die Schule besuchte, so ungern verließ ich sie. 

 

1866 wurde ich mit Vetter Robert zusammen konfirmiert.  Da wir kein Dienstmädchen mehr hielten, mußte ich in der Wirtschaft tüchtig helfen, besuchte dann auch die Nähstunden.  Hier bekam ich indes in hohem Grade die Bleichsucht, so daß ich längere Zeit sogar zu Bett liegen mußte.  Der alte Arzt, Dr. Köppe, empfahl tüchtig Herumwirtschaften und Tanzen, weshalb mich der Vater auch zur Tanzstunde schickte.  Dieser folgte dann noch ein fröhlicher Schülerball, von den Schülern der obern Gymnasialklassen arrangiert, der erste, der hier stattfand, auf welchem ich mich sehr amüsierte, obgleich ich mir sonst nichts aus Vergnügungen machte.  Im Sommer desselben Jahres durfte ich der Einladung meiner Schulfreundin Anna Geister zum Besuche ihrer Eltern nach Buckowien folgen, wo ich schon früher zweimal gewesen war.  Dort war für mich das reine Eldorado; es gab schöne Fettbrote und Kartoffeln mit ausgelassenem Speck, alles Leckerbissen für mich.  Die Spaziergänge durch die lange Heide, Wald, zu Lehrern und Pastoren, waren herrlich.  Vater Geister war Lehrer und erzählte uns abends im großen, schönen Garten viel von den Wundern der Sternenwelt.  Das war für lange meine letzte sorglose, glückliche Zeit. 

 

Als ich von dort zurückkam uns meinen Vater sah, erschrak ich sehr, er war so verändert und elend.  Er litt ja schon seit dem 24. Jahre an starkem Husten; dieser hatte sich durch fortgesetzte Erkältungen so verschlimmert, daß ein Lungen- und Halsleiden daraus entstanden war.  Auch in den äußeren Verhältnissen, im Geschäft, war, ohne daß ich etwas davon bemerkt hätte, Unglück auf Unglück erfolgt.  Ein Schiff war mit voller Ladung verunglückt, bald folgte ein zweites.  Um die Versicherungssumme kam der Vater auch, ich weiß nicht, wie das zugegangen, und es gab einen langen Prozeß und der ihm obendrein viele Kosten verursachte.  So hat mein Vater in den letzten Lebensjahren viel schweres Leid und Sorgen zu tragen gehabt. 

 

Vetter Robert kam wieder zu seinen Eltern, hatten wir doch selbst kaum zu leben.  Der Abschied wurde uns Allen schwer, wir haben ihn nicht wieder gesehen.  Er trat in Coblenz unters Militär und zwar bei der Artillerie, um sich zur Feuerwerkscarriere auszubilden, machte den Krieg gegen Frankreich mit und kam glücklich zurück.  Beim festlichen Empfang einer aus dem Krieg heimkehrenden Truppe in Coblenz sollte ein großes Feuerwerk auf den Wällen abgebrannt werden und Vetter Robert hatte dabei zu helfen; durch einen unglücklichen Umstand ging ein Stück zu früh los und Robert wurde in die Luft gesprengt; er kam zwar noch lebend auf die Erde, hat aber nur wenige, sehr schmerzensreiche Tage noch gelebt.  Wie wunderbar ist doch oft Gottes Fügung!

 

Im Sommer darauf mußte ich dem alten Onkel August die Wirtschaft führen, bei dem auch Carl, Ludwig und zeitweise auch Theodor lebten.  Früh um 5 mußte ich schon unten sein und hatte den ganzen Tag zu thun.  Danach, es war im November, sollte ich nach Berlin, um mir eine Stelle zu suchen.  Es gab einen ergreifenden Abschied von meinem Vater, wir wußten beidem es war für immer.  Laut weinend ging ich und er sank auf das Sopha zurück, nachdem er mir das Beste, Gottes Segen gewünscht und mich ermahnt hatte, auf Gottes Wegen zu wandeln.  Meine Hoffnung, in Berlin bald eine passende Stelle zu finden, schlug fehl, doch nahmen mich meine Verwandten, Tante Danner und Tante Becker, freundlich auf, obgleich sie selbst in ärmlichen, gedrückten Verhältnissen lebten.  So war Weihnachten herangekommen, die Nachrichten von Hause lauteten schlecht und am Neujahrstag 1869 starb der Vater.  Wie gern wäre ich heimgereist, um ihn noch einmal zu sehen, es ging nicht.  Zum April endlich fand sich eine Stellung für mich, es war bei einer jüdischen Familie.  Es ging mir hier äußerlich sehr gut und ich habe viel von der sehr tüchtigen Hausfrau gelernt.  Bis zum Sommer 1870 war ich dort, als ich dann nach Hause kam, sah ich, daß es notwendig war, meiner Schwestern wegen in Torgau  zu bleiben. 

 

Unsere Verhältnisse waren durch die lange Krankheit meines Vaters immer schlechter geworden; die Mutter hatte durch den Anbau am Vorderhause viel Kosten gehabt, so mußten wir uns sehr einschränken und tüchtig arbeiten.  Schwester Ida und ich nähten fleißig für Andere, waren auch meist vergnügt dabei; die Mutter hatte zwei Stuben vermietet.  Ida hatte eine hübsche Stimme und es ist trotz aller Not viel gesungen und Clavier gespielt worden.  Sonstiges Vergnügen hatten wir nicht.  Eine besondere Freude war es für mich, wenn ich zu meiner Freundin Anna Geister reisen durfte, die jetzt an den Kaufmann Littmann in Herzberg verheiratet war.  Als derselbe nun 1870 mit in den Krieg ziehen mußte, lud mich meine Freundin wieder zu sich ein, und ich habe dort eine fröhliche, sorglose Zeit verlebt.  Einmal war ich mit meiner Schwester Ida zu Verwandten nach Finsterwalde gereist. 

 

Hier lernte Ida auf einem Balle ihren späteren Mann kennen.  Er hieß Heinrich Zimmer und war als Buchhalter in einer dortigen Tuchfabrik angestellt.  Zu unserer Hochzeit haben sie sich aber erst öffentlich verlobt und dann im April 1876 geheiratet.  Zimmer stammte wohl eigentlich aus Heßen,  zur Zeit des französischen Krieges hatte er eine Stellung in Paris inne; als er von dort ausgewiesen wurde, ging er eine Zeitlang nach England, und von dort kam er eben nach Finsterwalde. 

 

 
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